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Ralf_Schlatter
 
Porträt von Ralf Schlatter (Aufnahme: Christoph Hoigné)

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Presseberichte

zu «Steingrubers Jahr»


Bittersüsse Anekdoten

Kulturtipp, Juli 2017

Der Schaffhauser Autor Schlatter blickt in die Seele ei­nes Langweilers, der die Wi­dersprüche des Lebens mit vol­ler Wucht zu spüren bekommt. Knackig, witzig, frech: ein Buch voll bittersüsser Anekdoten über Sinn und Unsinn des Lebens. (Karl Kümin)

Jess Jochimsens Literatur-Tipps 2017

jessjochimsen.de, Juli 2017

Ralf Schlatter, dem mit «Sagte Liesegang» vor zwei Jahren mein absolutes Lieblingsbuch 2015 gelang, hat ein neues Buch geschrieben, ein Tagebuch-Buch diesmal, und es ist wiederum sensationell geworden. Anrührend, poetisch und extrem witzig. Felix Steingruber, Katzenhalter, Kammerjäger und Junggeselle führt kein spektakuläres Leben, bis ein seltsamer Traum ihn zwingt, ein Jahr lang Tagebuch zu führen. Und dieses Jahr wird einzigartig. Selten wurden Nebensächlichkeiten, Alltägliches, Anekdoten, aber eben auch Glück und Verlust so lakonisch und schön beschrieben wie hier. Meine Lieblingsstelle: „Mit Mutter im Zoo. Keine Ahnung, warum. Hunderte von anderen Menschen auch im Zoo. Um ein Vielfaches mehr Menschen gesehen als Tiere. Dann habe ich plötzlich angefangen, die Menschen als Tiere zu sehen. Mutter war ein Gnu.“ Nein, die: „Und dann die Geschichte von dem, der sich im Wald draußen erhängen wollte, sich einen Baum aussuchte, den Strick festband und dann doch noch ein letztes Bier trinken ging und noch eins und noch eins, und dann ging er zurück in den Wald und fand beim besten Willen den Baum mit dem Strick nicht mehr.“ (Jess Jochimsen, Autor und Kabarettist)

In der Lebensmühle

surprise, Strassenmagazin, 30. Juni 2017

Der Schweizer Ralf Schlatter ist ein mehrfach preisgekrönter Kabarettist, der immer auch literarisch ist, und ein Autor, in dessen Texten man wiederum unschwer den Kabarettisten erkennt. Das macht das Lesen des schmalen, schön und licht gestalteten Bändchens durchaus vergnüglich. Dennoch ist in «Steingrubers Jahr», bei aller Poesie und allem Witz, recht düster und verzweifelt, was sich der Protagonist da von der Seele schreibt. Ein tragikomischer Tagebuch-Roman, der unerbittlich bohrt und fragt. Und wenn wir das lesen? Lesen wir uns dabei dann auch so manches von der Seele? Es lohnt sich, diesen Versuch zu machen. (Christopher Zimmer)

Steingrubers Jahr

Deutscher Bibliotheksservice, Mai 2017

In die sparsamen Tagebuchaufzeichnungen seines Protagonisten steckt Autor und Kabarettist Schlatter alle Komik, Tragik und Absurdität der menschlichen Existenz, verpackt in die banalen Kleinigkeiten des Alltags und in lakonischen Worten skizziert von einem, der selbst eher Beobachter ist und dennoch irgendwie immer auf der Suche nach dem Sinn. Feine, kluge und sensibel-humorvolle Lektüre. Dazu passend ein filigranes, feinwitziges Coverbild. (Dagmar Härter)

«Kann man so machen»

schaffhauser az, 11. Mai 2017

Anfangs will man nicht so recht warm werden mit diesem 54-jährigen tagebuchschreibenden Kammerjäger, den Autor Ralf Schlatter über Sinn und Unsinn des Seins grübeln lässt. Aber dann faszinieren sie einen doch, die unspektakulären und trotzdem wunderlich-grandiosen Gedanken und Beobachtungen, die den Protagonisten umtreiben. Genau wie seine Romanfigur hatte Ralf Schlatter im Vorfeld ein Jahr lang (es war 2013) jeden Tag aufgeschrieben, was er gesehen und erlebt hatte, auch wenn es nur das Wetter war. Aus diesen Einträgen konstruierte er die Geschichte um den Kammerjäger, der zum Schluss kommt, dass es - eigentlich wenig überraschend - immer um die Liebe geht. Aber wie! (Andrina Wanner)

Liebe, Tod und Ameiseneier

Schaffhauser Nachrichten, 26. April 2017

«Am Ende geht es immer um die Liebe», trägt Steingruber in sein Tagebuch ein. Und um Leben und Tod, wie man beim Lesen von Ralf Schlatters neuem Roman feststellt. Der Autor versteht es, Todtrauriges und Groteskes, tiefen Ernst und Komik mit leichter Hand zusammenzuführen. (Ulrich Schweizer)

zu «Sagte Liesegang»


Gewitzt

Berner Zeitung, 24. Januar 2014

In bildhaftem Detail evoziert Liesegang seine Kindheit mit einem schweigenden Vater, einer verschwundenen Mutter, einem toten Bruder. Und schweift ab in originelle, oft witzige Überlegungen. Die lyrische Musikalität der Sprache trägt einen mühelos über die langen Sätze des Monologs hinweg. Mit «Sagte Liesegang» ist dem 42-jährigen Schaffhauser Ralf Schlatter nach seinem Debüt «Federseel» (2002) ein weiterer beachtlicher Roman gelungen.

Ralf Schlatters seltsamer, wunderbarer Roman «Sagte Liesegang»
Vexierbild mit Vater, Mutter, Kind

Neue Zürcher Zeitung, 18. Dezember 2013

Im Ton staunend, zynisch, nüchtern, empathiebereit, immer pointensicher zwischen Slapstick und wehmütigem Pathos. Selten wurde so entlarvend und zärtlich von helvetischen Helden der kleinen Dinge erzählt, am Ende zum Weinen schön. Ralf Schlatter, bekannt als Hörspielautor und Kabarettist des politisch-literarischen Duos «schön & gut» (mit Anna-Katharina Rickert), entwickelt zwischen dem Geologen (Vater) und dem Seismologen (Sohn) eine tragische Verwerfung der tektonischen Familien-Kontinentalplatten, die sich überlagern, abschürfen, die voneinander abdriften (nach der ersten Liebesnacht ihres Sohnes wagt die Mutter wegzugehen), und öffnet uterine Höhlen der Entgrenzung mit einer hinreissenden, psychisch flirrenden Strahlerin (ja, im slowenischen Karst, gletschermilchblau), die Kristalle bricht wie das Herz des armen Helden. Der Text ist motivisch souverän verfugt. Hämorrhoiden antworten Stalaktiten, Rutschbahnen im Aquatic-Center dem Geburtskanal und, wer weiss, dem Gotthardtunnel; die Berge der Alpen den Gipfeln der Erinnerung. Fledermäuse kreuzen vom Höhlen- ins Seelendunkel, und die Erdbebenskalen zittern durch das Empfinden. Vom überraschenden Ende her, das dem Erzählen vor dem Engel seinen höchsten Grund gibt, wäre das Buch, ein Bergkristall übersehener Not, ein zweites Mal zu lesen. (Angelika Overath)

Ralf Schlatter: Sagte Liesegang

SRF 1 und 2, Buchtipp, November 2013

Liesegang war Seismologe und in seinem Leben hat es öfters gewaltig gekracht, fast so, wie die Kontinentalplatten aufeinanderprallen und Beben auslösen. Liesegang war ein trauriges Kind und ein einsamer Mann. Und doch hat er aus seinem schwierigen Leben das Beste gemacht. Jetzt, im Rückblick, wirkt er fast heiter und gelassen, er hat ja nichts mehr zu verlieren. Faszinierend ist nicht nur, was Liesegang über sein Leben sagt, sondern wie er es sagt. Schlatter zeigt in diesem Buch sein Können, zeigt, wie man mit dem Mittel der Sprache und Fantasie Grenzen überwindet, sogar den Tod. «Sagte Liesegang»: Ein ungewöhnlicher Titel für ein ungewöhnliches Buch. (Susanne Sturzenegger)

Gegen das Verschwinden

Schaffhauser Nachrichten, 19. November 2013

Es könnte eine furchtbar öde Geschichte sein, dieser Monolog des Seismologen Liesegang. Aber dann wäre es kein Text von Schlatter, sondern einer, dem die Komik fehlte, das Spielerische, die überraschenden Gedankenblitze über die Nebensächlichkeiten der Welt. Und Liesegang, diesen ganz Speziellen, hat man im Laufe des Lesens immer lieber. (Edith Fritschi)

Ralf Schlatter: Sagte Liesegang

Deutscher Bibliotheksservice, November 2013

Der neue Roman des mehrfach ausgezeichneten Schweizer Autors und Kabarettisten ist ein einziger langer Monolog des Ich-Erzählers Liesegang. Und man merkt den Satiriker, denn in all der scheinbaren Tristesse und Belanglosigkeit blitzt immer wieder verräterisch die tiefgründige Komik durch, die den Text leicht macht und angenehm zu lesen. Gute, qualitätvolle und kluge Lektüre. (Dagmar Härter)

Ralf Schlatter: Sagte Liesegang

SRF 3, Buchtipp, 17. Oktober 2013

Liesegang ist ein grosser, ein warmherziger Erzähler, mit Witz in den Worten, manchmal ist es Galgenhumor. Poetisch leicht schildert Liesegang die Ereignisse, er, der immer Teilnehmer und selten Akteur war. Ein Buch wie ein Handschmeichler aus Kristall: Er ist griffig, gibt Wärme ab, tut wohl; man entdeckt immer anderes, wenn man sich ihn genauer ansieht. Alle, die das Buch in die Finger bekommen, sollten es lesen, es hat so viel da drin, was Freude macht. Überzeugend als Komposition, absolut schöne und schlaue Unterhaltung. (Tanja Kummer)

Ein Leben mit Steinen und Höhlen

20Minuten, 15. Oktober 2013

Ralf Schlatters neuster Roman ist sehr originell konstruiert und bildmächtig erzählt. Er arbeitet viel mit wiederkehrenden Motiven wie etwa dem Song «Sympathy for the Devil» von den Rolling Stones. Öfters unterbricht auch ein wohltuender, trockener Humor die Tristesse von Liesegangs Leben. (Wolfgang Bortlik)

zu «König der Welt»


Deinerseits und anderseits

Neue Zürcher Zeitung, 20. März 2012

Ralf Schlatters «Morgengeschichten» sind DRS-1-Hörern vertraut wie auch seine Hörspiele; zusammen mit Anna-Katharina Rickert tritt er seit 2003 erfolgreich mit dem poetisch-politischen Kabarett «schön&gut» auf. Ralf Schlatter hat Theaterstücke geschrieben und mehrere Bücher veröffentlicht (darunter zwei Romane). Was kaum einer wusste: Seit zwanzig Jahren arbeitet er in seinen Tage- und Notizbüchern an Gedichten. Wie ein verstärkender Beifaden durchläuft Lyrik seine Texte und Produktionen. Eine schön komponierte Auswahl ist nun unter dem Titel «König der Welt» in der luxuriös-schlichten Edition «Die Reihe» des Wolfbach-Verlags erschienen. Die Gedichte sind in vier Kapitel gegliedert. «auf der innenseite» versammelt Verse zu einem unsicheren Ich: «die augen verstaucht / das ohr gestürzt», ist es lebensverunfallt auf dem Weg. Was ist wirklich zwischen «schrifttafeln» und «himmel»? So gerät es «nachts mitten in der stadt» in den Blickkontakt mit einem Fuchs, der «eine ewige sekunde» lang zum Alter Ego wird, in der Angst «vor dem frei sein / vor dem wild sein / vor dem freiwild sein». Dieses Ich spielt wie Alice im schauerschönen Wunderland mit dem bösen Wolf aus dem Märchen oder der Schnecke im Tierfilm oder mit dem Spiegel, auf dem am Morgen nach einem «seitensprung mit mir selbst» in roter Lippenstiftschrift steht: «see me». Wenn dieses traumwandlerisch sprachsichere und alltagstaumelnd gefährdete Ich einmal «könig der welt» wäre, dann würde es die Gedanken entlassen, die Bilder vernichten, das Schweigen gebieten und endlich: «ich herrschte mich an / um einmal nur / frieden / mit mir». Orientierung verspricht der (auch wortlose, der utopische) Ort der Sprache, dem das zweite Kapitel «auf der rückseite» gewidmet ist. Es enthält Zeilen, die «weit weit wort» führen in jene zauberbereite Gegen- und Mitwirklichkeit der Buchstaben, in der ein schriftloses «denkmal für das unbekannte wort» errichtet wird oder eine märchenhaft intime Szene sich öffnet, die allein in Silben verbürgt ist: «die stille ist ein berg / nachts / schläft das licht / an seiner flanke». Die erfüllte Sprachlandschaft führt zu «deinerseits», den Liebesgedichten des dritten Kapitels. Von den ersten Ahnungen der Nähe über das Wunder der Gemeinsamkeit bis zu Verlassenheit und Liebeskatastrophe spannen sich die Momente der Trabanten («Sputnik» heisst ein Gedicht). Es ist das wunderbare Herzstück des Bandes, der mit einer Porträtfolge im Kapitel «anderseits» endet. Ein altgedienter Nachrufschreiber stirbt, seinen eigenen lakonischen Nekrolog in die Maschine gespannt: «sein leben bestand / aus dem leben / der toten»; ein alter Mann züchtet Spargel unter einem Krematorium; ein Paar sitzt ehefest im Wohnwagen, die Räder von Gartenzwergen verstellt, eine Frau träumt am Fenster des Nachtzugs. Die Gedichte von Schlatter sind welthaltige Kondensate, silbensicher, seelengenau: sie lesen sich fast einfach und kippen dann doch im Zeilenbruch immer wieder in noch einen anderen Sinn: «ein meer / mitten in der landschaft / die bäume stehen still / vielleicht / schneeweiss der himmel / warum / ich dich liebe». (Angelika Overath)

zu «Verzettelt - Verlorene Worte und ihre Geschichten»


20er, Tiroler Strassenzeitung

Mai 2009

Für sein neues Buch «Verzettelt» hatte der Schweizer Autor Ralf Schlatter eine außergewöhnlich gute Idee: Über Jahre sammelt er weggeworfene, liegen gelassene, vergessene oder verlorene Wörter in Form von Notizzetteln, Nachrichtenfragmenten und Brieffetzen. Daraus formt er kurze Geschichten, erfindet Kontexte, erdichtet ein Vorher und Nachher. Nicht zuletzt haucht er diesen gleichsam gestorbenen Wörtern neues Leben ein und findet Platz fürs Skurrile, Ausgefallene und humorvoll Verdrehte. Manche Geschichten finden Fortsetzungen, ziehen sich durchs ganze Buch, andere stehen für sich allein und einige werden doppelt erzählt – weil Ralf Schlatter die KollegInnen Ruth Schweikert, Franz Hohler und Christoph Simon um Gastgeschichten gebeten hat. Und gerade, wenn derselbe Zettel Ausgangspunkt für verschiedene Geschichten ist, wird das Projekt des Buches besonders sichtbar: Jene Möglichkeiten durchzuspielen, die in unserer so linear wirkenden Realität angelegt sind. Ebenso hervorragend wie unterhaltsam erzählt, zelebriert «Verzettelt» einen fantastischen Realismus auf Schweizer Art und ist mehr als nur ein Buch für zwischendurch.

Angezettelt

Strassenmagazin Surprise, 23. Januar 2009

Mit «Verzettelt» hat Ralf Schlatter eine rechte Zettelwirtschaft angezettelt - und das zu unserem Vergnügen. Ein wundersames Sammelsurium von Kabinett- und Kabarettstückchen mit Gastschalkiaden von Ruth Schweikert, Franz Hohler und Christoph Simon. Allerlei Kurzweiliges und Hintersinniges, mal ausgelassen, mal melancholisch, mal schräg, mal bitter: medizinische Befunde, eine Kunstaktion zur Aufdeckung von Etikettenschwindel, eine Attentatsanweisung, die Aufdeckung des Ursprungs der Installation «Der Lauf der Dinge» von Fischli/Weiss, aber auch sogenannt Banales, kleine Dramen des Alltags oder unausweichliche Zufallsweichen. Manche Figuren kehren wieder - so die unverwüstlichen SMS-Fun-Girls Tanja und Paula - und es entstehen mitunter aus vermeintlich Unzusammenhängendem scheinbar logische Lebenspuzzels. Prädikat: Hoch ansteckend! Vor Fundzetteln aller Art wird gewarnt! Und vor dem sorglosen Umgang mit Zetteln nicht minder. Denn Vorsicht: Schlatter geht um! (Christopher Zimmer)

Kreative Zettelwirtschaft

Der Sonntag, 6. Juli 2008

Ralf Schlatter ist ein Aufklauber. Zehn Jahre lang hat der Kabarettist und Autor aus Schaffhausen viele hundert Zettel gesammelt, verknitterte, zertretene, zerrupfte, achtlos fallen gelassene, schmerzhaft vermisste. Hat sie glatt gebügelt, zusammengeflickt, entziffert, vor allem aber bestaunt und sich von ihnen inspirieren lassen: Um das Gekritzel auf Einkaufszetteln, Kurznotizen, privaten Ermahnungen und Erinnerungen, Zeichnungen und Erläuterungen hat er Geschichten erfunden und Dialoge. Über 100 kleine Prosastückchen sind so entstanden, witzige, poetische, rätselhafte. Schlatters Zettelwirtschaft wirkt zum Teil wie ein Wettbewerb des Autors mit sich selbst oder freies Assoziationstraining. Aus banalsten Einkaufszetteln entwickelt Schlatter ganze Soziogramme, aus banalen Notizen bastelt er verwegene Verschwörungen, aus ein paar verkritzelten Käsekästchenrunden destilliert er mit leichter Hand ein fieses Familiendrama, aus anderen wieder handfeste Beziehungs- und Lebenskrisen. (...) «Verzettelt» ist ein schön gemachtes, abwechslungsreiches Werk, ein Schmöker mit Kleinstepen und angerissenen Universen, von denen manche sich fortschreiben möchten. Das Schönste aber: Man wird sich kein Zettelchen mehr entgehen lassen. Das Spiel kann beginnen. (René Zipperlen)

zum Hörspiel «Rumantsch grischun»


Raffinierte Rächerinnen aus der «Hörstatt»

Neue Zürcher Zeitung, 28. April 2006

«Rumantsch Grischun» von Ralf Schlatter endet zwar auch mit einem raffinierten Racheakt, doch das Strickmuster des Stücks ist eher bunt, ein eigenwilliger Mix aus Krimi, Sitcom und Melodrama. Der Rätoromanischkurs, zu dem sich bloss zwei Schülerinnen einfinden, dient als Leitmotiv, das drei Menschen zusammenführt und die Handlung in Gang bringt, eine heitere Melodie, von grollenden Untertönen durchsetzt. Das tragende Element des Stücks aber ist das Spiel mit der Sprache, den Redensarten. Da steckt sein eigentliches Potenzial, da zeigt sich die Stärke des Autors: dass er dem Volk den Umgangston abzulauschen versteht, ein Ohr hat für die «Mödeli» der Leute. Ein Glanzstück ist etwa die Rolle der zwanzigjährigen Martina, die er Anna Katharina Rickert, seiner Partnerin im Kabarettduo «schön&gut», auf den Leib geschrieben zu haben scheint. Jedenfalls kann man sich die Kaskaden des jugendlichen Megageil-Vokabulars kaum authentischer vorstellen. Auch die rührenden Versuche der 67-jährigen Heide aus Deutschland, sich sprachlich anzupassen, sind bei Dinah Hinz bestens aufgehoben. Sie verleiht der nur scheinbar harmlosen Witwe, deren Mann in einer Lawine ums Leben kam, differenzierte Präsenz und bleibt glaubhaft auch da, wo die Rolle zu blossem Karikieren verführen könnte.
Keinen leichten Part hat René Schnoz als Vinzenz Padrutt. Voller Widersprüche, labil ist der Charakter dieses seltsamen Sprachlehrers, der bis zu einem Unfall vor fünf Jahren Skilehrer und Tourenleiter war. Meist gibt er sich launig, kann jedoch plötzlich in Schimpftiraden ausbrechen, als stehe er enorm unter Druck. Schnoz meistert die Ambivalenz der Figur bravourös. Auch die kleineren Rollen sind mit Charlotte Joss als Martinas Mutter und Marietta Jemmi als Papeterieverkäuferin überzeugend besetzt. Und der Autor selber bietet als Barman im Zug eine Probe seines mundwerklichen Könnens. Mit feinem Sinn für Rhythmus und Ambiance führt Geri Dillier Regie in dieser soeben mit dem Prix Suisse 2006 ausgezeichneten Produktion, zu der Michael Wernli stimmige Musik beisteuert.

zu «Maliaño stelle ich mir auf einem Hügel vor»


Meere, Mythen, Mikros

Neue Zürcher Zeitung, 2. Juni 2004

"Ge-, Geschichten erzählen bringt Glück!", stottert der verstörte Held in Ralf Schlatters Romandébut "Federseel", das vor zwei Jahren erschien. In Schlatters neuer Erzählung, "Maliaño stelle ich mir auf einem Hügel vor", aus der er am 3. Juni in Zürich lesen wird, steht diese Erkenntnis aus dem Début ganz am Anfang, ist verborgener Born von überschäumenden und übereinander schäumenden Geschichten. Dabei passiert in "Maliaño" eigentlich gar nichts: Gustav Julius Kaufmann sitzt am 21. Juni 2002, seinem 32. Geburtstag, frühmorgens in der S-Bahn zwischen Bahnhof Hardbrücke und Bahnhof Oerlikon, so wie jeden Tag. Sommersonnenwende. Da geht im Käferbergtunnel plötzlich das Licht aus, und die S-Bahn hält an - klassischer Einstieg in einen Ausstieg aus einem geheimnislosen Alltag. Auf den folgenden rund 140 Seiten kreuzen wir Weltmeere und Weltmythen, leben mal am Fuss von Bergen mit Löchern, mal auf Hügelkuppen, die man sich auf einer umstülpten Reliefkarte als Loch vorzustellen hat; mal bei einer wetterfühligen Dentalhygienikerin, mal bei einer waschechten Wetterfee mit Sirenenstimme.
Doch die Imaginationen des 1971 in Schaffhausen geborenen Wahlzürchers Ralf Schlatter sind nichts weniger als Fantasy-Phantasmen. Nein, der im vergangenen Herbst mit einer literarischen Auszeichnung des Kantons Zürich geehrte Autor hat sich versuchshalber seinen eigenen "Goldenen Topf" geschmiedet, sein eigenes modernes Märchen. Seine Gegenwelt ist stets auch gegenwärtige Welt, seine Figuren stehen stets mit einem Fuss dort, wo Fahrpläne und Stempeluhren regieren. Die zauberische Wetterfee etwa spricht ihre Hoch- und Tiefdruckgebiete in ein Radiomikrophon, und der Weg von Oerlikon bis zu ihr lässt sich in abgerollten Zahnseidespulen messen (es sind ihrer 170 000). Und auch andersherum gilt die Doppelbödigkeit: Selbst den hartgesottenen Arbeitgeber von Gustav Julius trägt die Stimme aus dem Äther hinaus - hinaus aus seinen Hemmungen, hinein in eine hoffnungsvolle Verschmelzung.
Wieder, wie in "Federseel", scheint ein mutterloser Bub, Gustav Julius, die Vorstellungsmaschinerie anzukurbeln. Als Erwachsener träumt er sich eine Familie zurecht, ein Haus in Maliaño, Vater, Mutter, Kind. Aber diesmal hat Schlatter alles auch nur andeutungsweise Psychologische konsequent wegfabuliert und lässt die Motive für sich sprechen. Und den Stil: So setzt sich ein allwissender Erzähler selbstironisch in Szene, indem er sich in Klammer setzt. Da heisst es beispielsweise: Das Schiff "(Mathilde Oldendorff war hundertfünfundachtzig Meter lang, zweiunddreissig Meter breit und hatte dreiundvierzigtausend Bruttoregistertonnen . . .)". Statt romantisierend Zahlen zu meiden, spielt Schlatter mit ihnen wie mit allem anderen auch, wie mit den Märchenelementen und den modernen Themen ("Patchworkfamilie"). Der Titel der Erzählung ist Programm, und die Welt ist Wille und Vorstellung eines unbeschwerten, Un-Schopenhauer'schen homo ludens. Manchmal mag Letzterer allzu unbeschwert daherkommen. Ein bisschen mehr Gewicht hätte den Geschichten und Geschichtchen rund um Gustav Julius mehr - darf man das Wort noch wagen? - Relevanz gegeben. Oder, zumindest, mehr Spannung. Trotzdem: Die leichtfüssige Lust, die uns auf Maliaños Hügel entführt, die Löcher sind oder vielleicht ausgewachsene Kinderkrankheiten, ist ansteckend. (Alexandra Kedves)

Kluge Poesie

Zürcher Tages-Anzeiger, 19. Januar 2004

An einer szenischen Lesung präsentierte der Zürcher Autor und Kabarettist Ralf Schlatter seine Erzählung "Maliaño". Bereits nach seinem zweiten Buch steht fest: Schlatter schreibt unverwechselbar, und sein Werk wächst beständig, zur Freude einer hoffentlich ebenfalls zunehmenden Leserschaft. Wie der Debütroman "Federseel" ist auch seine neue Erzählung in der lokalen Wirklichkeit verankert, um himmelhoch über sie hinaus zu weisen. In "Maliaño stelle ich mir auf einem Hügel vor" wird Zürich zum Ausgangspunkt für ein Feuerwerk fantastischer Geschichten. In deren Zentrum steht der Büroangestellte Gustav Julius Kaufmann, der eines Morgens nicht wie gewöhnlich in Oerlikon aussteigt, um zur Arbeit zu gehen. Er wandert nach Westen, indem er der Stimme seines Herzens folgt. Bis nach Maliaño, bis zur Radiometeorologin Ida Nordpol Zeppelin, deren Wetterberichte er über seinen "Weltempfänger" vernimmt. Im Zürcher Literaturcafé Sphères hatten diese liebenswürdig- skurrilen Hauptfiguren einen leibhaftigen Auftritt. Zusammen mit seiner Partnerin Anna- Katharina Rickert startete Schlatter hier eine szenische Lesetour. Auch sonst dürfte man die beiden künftig vermehrt auf der Bühne sehen. Als Kabarettduo schön&gut werden sie im Frühling den Salzburger Stier entgegennehmen können, den bedeutendsten deutschsprachigen Kleinkunstpreis. Sie mit geblümtem Rock, er in grauem Anzug, aber inkorrekt farbigen Schuhen: So nahmen Ida und Gustav das Publikum in eine Welt voll kluger Poesie mit, in der sich Witz und Melancholie, Märchenhaftigkeit und ironische Brechung, Einfallsreichtum und sprachliche Präzision glücklich vereinen. (Philipp Gut)

Kapriolen eines Tagträumers

Aargauer Zeitung, 30. September 2003

Auch bei seinem zweiten Buch ist der 32-jährige Autor nicht um Einfälle verlegen. Da finden sich beispielsweise die Eltern von Gustav auf dem Coverfoto von "Woodstock Music and Art Fair". Eine "King Lear"-Adaption fehlt ebenso wenig wie der Turnlehrer, der sich auf dem Behandlungsstuhl von Gustavs Mutter, einer Dentalhygienikerin, eine Sonderbehandlung gönnt. So streut Schlatter viele farbige Puzzlesteine - Absurditäten und Überdrehtheiten häufen sich -, wie sie sich nur in den Kapriolen eines geübten Tagträumers zusammenfügen lassen. Die Qualitäten des Autors bleiben unverändert: sein Hang zum Fantastischen, sein Flair für Überraschungen garantieren eine kurzweilige Lektüre. (Markus Bundi)

zu «Federseel»


Kresse, Zucker, Phantasie

Neue Zürcher Zeitung, 13. August 2003

In "Federseel" vergewissert sich ein junger Autor des Warum und Wozu des Schreibens, der Seligkeiten der Feder. Er hüpft verspielt, bisweilen allzu verspielt die Grenzen dieses wunderbaren Mediums Sprache ab, das den Menschen ausmacht und Unmenschlichstes ermöglicht. Und trotzdem ist Ralf Schlatters Titelheld nicht bloss ein Pappkamerad in einer Versuchsanordnung, die sich mit den Möglichkeiten des (auf Papier festgehaltenen) Worts auseinandersetzt. Die Geschichte über den traumatisierten Träumer könnte zwar noch lebendiger sein, sie könnte etwa auf die konstruiert-verkniffene Rahmenhandlung verzichten, blutleer aber ist sie nicht. Der bereits mit Fördergaben und Preisen geehrte Schriftsteller ist auf dem Weg zum Glück - des Geschichtenerzählens. (Alexandra Kedves)

Federseel

WDR 3, Meinungen über Bücher, 3. März 2003

Randvoll ist der kleine Roman mit liebenswert-schrägen Gestalten. Da merkt man wieder den Kabarettisten Schlatter: zwei, drei Sätze und ein ganzer Charakter springt dem Leser entgegen. Frau Stankovic etwa, die mit schnarrender Stimme über das Fliessband in einer Tip-Ex-Fabrik herrscht, oder Hans, ein verhinderter Kunstmaler, der immer dieselbe schwarze Bundfaltenhose trägt, Zigarren raucht und vom Montmartre schwärmt, weshalb er jeden zweiten Satz mit 'merde alors' verziert. Von solch kleinen Leuten erzählt dieser komische, melancholische, hintergründige Roman, von Menschen, die sich durchwurschteln in ihrem mickrigen Alltag, die nicht wirklich gescheitert sind, aber ihr Glück schon ausgeschöpft haben, wenn sie einen Gratis-Abend in der Pizzeria gewinnen. (Almut Finck)

1001 Geschichten vom zehnten Finger

Der Landbote, 15. November 2002

Der 31-jährige Ralf Schlatter hat sich in den letzten Jahren einen Namen als erfolgreicher Slampoet gemacht. Mit dem schmalen Roman «Federseel» debütiert er nun im «ernsten» Fach. Mit schönem Erfolg, wie gleich anzumerken ist. Die tragikomische Geschichte des Georg Federseel gefällt durch erzählerischen Reichtum, formale Kompaktheit und sprachliche Klarheit. Die mit leichter Ironie wattierte Traurigkeit erinnert zuweilen etwas an Bichsel und Steiner, sie ist ebenfalls mit ein wenig schrulliger Nostalgie versetzt, doch Federseel bleibt sich selbst. (...) Dergestalt ist der Held für seinen Autor eine ideale Figur, in der er den eigenen Ideenreichtum unterbringt: etwa in dem zauberhaften Märchen von der Blumenwiese. Die Geschichten, die Federseel laufend erzählt, sind jedoch nicht einfach Ausgeburten einer überbordenden Einbildungskraft. Vielmehr wandeln sie vorangegangene Variationen permanent ab, versetzen Motive und Figuren in neue Konstellationen und vernetzen sie so zu einer grossflächigen Erzähltextur.' (Beat Mazenauer)

Storys eines abgehackten Fingers

Aargauer Zeitung, 11. September 2002

«Georg Federseel kam an Silvester zur Welt. Bis er vier Jahre alt war, glaubte er, das Feuerwerk abends gelte und leuchte nur ihm.» - Der Beginn von Federseels Geschichte, dessen Name Programm ist; unbeschwert, leicht und mit überbordender Fantasie wird hier erzählt. Ralf Schlatter bedient sich bei seinem Prosadebüt nicht nur gekonnt der Muster des Märchens, er kennt auch die Kniffe der Dramaturgie. (...) Bei aller Tragik gelingt dem 31-jährigen Zürcher Autor ein Debüt voller Humor. Ralf Schlatter hat fraglos ein Faible fürs Geschichtenerzählen; als Auslöser reicht schon das «Tavetscher Schaf» auf einem Zuckersäckchen. Aus Kleinigkeiten, um die sich kaum jemand kümmert, schafft Schlatter ganze Welten. (Markus Bundi)

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